Essay Zukunft Der Stadt Schubert

Es ist etwas anderes, eine Stadt zu kennen, oder in ihr zu leben. Wie viele spätere Urwiener war auch ich, als ich als Student von Kärnten nach Wien kam, fest davon überzeugt, dass ich in dieser Stadt nicht alt werden würde. Mehr noch: ein Gutteil meiner Identität wurde aus der Entschlossenheit gespeist, den inneren Widerstand gegen diese Stadt nie und nimmer aufzugeben.

Das änderte sich auch nicht, als ich Wien besser kennen lernte. Es schien mir, dass auf diese Art die Trennwand zwischen mir und den Wienern erst recht immer unüberwindlicher würde. Der echte Wiener nämlich bezog offenbar seine Identität aus dem Stolz darauf, seine Stadt nicht zu kennen. "Der Steffl, ja, unser Steffl! Stephansdom auf Deutsch. Ob ich schon drinnen war? Gehn’s! Das is doch mehr was für Fremde. Ich wohn’ eh da."

Dennoch ist es der Wiener, und nicht der Wien-Kenner, der im Besitz der Stadt ist. Das kommt von jener Selbstverständlichkeit, mit der der Wiener seine Stadt für einen Gebrauchsgegenstand hält, und nicht für einen Ort, wo einander die Engel treffen, oder - im edlen Metaphernwettstreit - "eine verliebte alte Hur", für "eine schöne Leich’ mit Schminke und Toupet" - oder für einen Lyrismus noch modischerer Art.

Für den Wiener ist zum Beispiel das Lichtental eine Gegend zwischen Nußdorfer- und Althanstraße, und nicht ein geheimes Passwort für den Zugang in das abgründige Innere dieser Stadt. Gerade das schien es mir lange Zeit zu sein und - ohne es recht erklären zu können, muss ich es eingestehen - es hat für mich bis heute nicht sein Naheverhältnis zu einem Mysterium verloren. Unausgesprochen war für mich klar, dass ich mich erst dann als Wiener bezeichnen werde können, wenn ich den geheimnisvollen Sinn des Satzes "Drunt im Lichtental" verstehen werde. Fürs Verständnis langt es heute, und auch die Scheu vor dem Geheimnis habe ich abgelegt, aber eine Selbstverständlichkeit ist es mir noch immer nicht geworden.

Ein Tal in der Stadt!

An der Oberfläche kam meine Unsicherheit gegenüber dem Lichtental daher, dass es so offenkundig eine Bezeichnung des offenen Landes war, mit der hier ein Stadtteil beschrieben wird. Lich-tental - das lässt sich in einem Atemzug mit Lavanttal, Ennstal oder Paznauntal aussprechen. Das klingt nach Berghängen, Wäldern, Wiesen und Bächen. Welch eine Anmaßung also einer grauen Vorstadt, sich ein Tal zu nennen, ein lichtes noch dazu!

Mit der Erkenntnis, dass der Name aus einer Zeit stammte, da die Stadt von ihren eigenen Mauern zusammengepfercht, dem Land um sie noch viel mehr Spielraum ließ, verblasste vorübergehend mein Interesse am und meine Scheu vor dem Lichtental. Das Geheimnis schrumpfte zur Banalität: Eine der sieben Stufen, die vom Wienerwald zum Donauufer führen, war mit "Tal" bezeichnet worden, etwas großsprecherisch vielleicht, und doch nicht ganz grundlos, wenn man sich vom Abhang nördlich der heutigen Nußdorfer Straße die Häuser wegdenkt und sich an ihrer Stelle Wiesen, Felder und Äcker vorstellt, die den Blick ins Land zu seinen Füßen zulassen.

Das Interesse erwachte erst wieder, als ich mich mit Franz Schubert zu beschäftigen begann, mit seiner Musik und seinem Leben. Schubert ist ein gebürtiger Lichtentaler. Diesen Umstand sollte man sogar betonen: Er war ein Lichtentaler, und nicht ein Wiener. Schnitzler war Wiener, selbstverständlich Karl Kraus, selbstverständlich Hoffmannsthal. Schubert hingegen war Lichten-taler.

Bevor ich diese standesamtliche Willkür zu erklären versuche, muss ich ihr noch eine weitere Ungereimtheit hinzufügen: Für mich ist der Lichtentaler Franz Schubert der Inbegriff von Wien. Ich stelle natürlich allseits anheim, jede andere Persönlichkeit aus der Kulturgeschichte Wiens für den genius loci zu halten. Ich sage nur, dass in meinem Verständnis der Stadt Schubert der eigentliche genius loci ist, mehr jedenfalls als der Weltbürger Mozart, mehr als der Bildungsbürger Freud und mehr als etwa die Kaffeehausbürger der Jahrhundertwende. Das hängt damit zusammen, dass ich das Biedermeier mehr als das Barock und mehr als das Fin de siècle für die Schicksalszeit Wiens halte. Nur insoferne, als er noch ins Biedermeier hineinragt, stelle ich einen zweiten Vorstädter ganz ganz nahe zu Schubert ins Zentrum des Wesens dieser Stadt: den Leopoldstädter Johann Strauß.

Die Pubertät Wiens
Im Biedermeier - so lautet meine Unterstellung zum Wesen dieser Stadt - durchlebte Wien seine Pubertät. Die Pubertät ist die Blütezeit des Unausgesprochenen, der gärenden Gefühle, der Flausen im Kopf, der süßen Schmerzen, der herben Enttäuschungen, der bitteren Verdrängungen, der endgültigen Komplexe.

Wäre das Leben eine Landkarte, und könnte man die Pubertät als Landstrich auf ihr eintragen, so läge sie in der tiefsten Provinz, dort wo die weitschweifigsten Ideen den geringsten Handlungsspielraum haben, wo zwischen Vorsatz und Ausführung die größte Kluft liegt, wo die schönsten Hoffnungen versanden.

Das Biedermeier ist geprägt durch den Metternichschen Polizei- und Spitzelstaat, der zur Volksentmündigung ähnliche Methoden anwandte wie die heutigen Ostblockregime. Spiritus rector der Entmündigung war Kaiser Franz II., der "gute Kaiser Franz", welchen Beinamen ihm seine Untertanen gaben. Eine zunächst unerklärliche Verirrung des Volksmundes, seinen eigenen Peiniger und Unterdrücker "gut" zu nennen! Aber braucht nicht auch der Pubertäre eine Autorität, die er gut heißt, wenn auch nur zu dem Zweck, sich an ihr zu messen, mit ihr zu hadern, sie letztlich vom Podest zu stürzen?

Eine alte Ansicht aus dem (damaligen) Wiener Vorort Lichtental, wo Franz Schubert geboren wurde. Im Hintergrund ist die Lichtentaler Pfarrkirche (heute auch Schubertkirche) zu sehen.© Foto: ArchivEine alte Ansicht aus dem (damaligen) Wiener Vorort Lichtental, wo Franz Schubert geboren wurde. Im Hintergrund ist die Lichtentaler Pfarrkirche (heute auch Schubertkirche) zu sehen.© Foto: Archiv

Information

Dieser Text von Thomas Pluch entstammt seinem Nachlass, der von der Wien Bibliothek (gemeinsam mit jenem seiner Frau Erika Molny) aufgearbeitet wurde und dort auch verwahrt wird (dieser Text unter dem Signet "1.2.1.1.79."). Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Wien Bibliothek im Rathaus.

Zur Person

Thomas Pluch, geboren 1934 in Klagenfurt, starb am 21. Mai 1992 in Wien (unmittelbar nach der Überreichung des Preises für das beste Drehbuch bei der "Romy"-Gala). Pluch war von 1959 bis zu seinem Tod bei der "Wiener Zeitung" angestellt, viele Jahre als deren stellvertretender Chefredakteur. Er war Begründer und Leiter der "extra"-Beilage.
Neben seiner journalistischen Tätigkeit war Pluch Autor von Erzählungen und Dramen und vor allem als Drehbuchautor für Fernsehspiele tätig. Bekannt wurde vor allem seine dreiteilige TV-Serie "Das Dorf an der Grenze", in welcher die Situation eines Kärntner Dorfes über mehrere Generationen hinweg gezeigt wird. Nach dem Tod von Pluch, der auch Vorlesungen über "Film- und Fernsehdramaturgie" hielt, wurde der bis heute existente und jährlich vergebene "Thomas Pluch Drehbuchpreis" gegründet.
Eine der großen Leidenschaften des ausgebildeten Pianisten war die Musik, vor allem jene Franz Schuberts, wovon auch der Text handelt.
Thomas Pluch war mit der Schriftstellerin Erika Molny (1932–1990) verheiratet.

 

Am Abend des 22. April 2015 begrüßte Buchhändler Rainer Klis (auf dem Foto stehend, rechts) ein interessiertes Publikum in seiner Buchhandlung auf der Hohensteiner Weinkellerstraße. Er begrüßte auch die zwei Referenten des Abends.

Wolfgang Hallmann (li.), studierter Diplom-Ingenieur und langjähriger Kulturdezernent der Stadt Hohenstein-Ernstthal, erinnerte an Gotthilf Heinrich Schubert, der am 26. April 1780 im Pfarrhaus der St. Christopherus-Gemeinde in Hohenstein geboren wurde. Er zeigte auch den Architektenentwurf des Pfarrhauses und verwies darauf, dass das Haus dann doch anders gebaut wurde.

(Das Pfarrhaus wurde von Wolfgang Hallmann vor dem Abriss gerettet. Allerdings musste er es dazu privat kaufen. Eine umfassende Renovierung ist leider noch nicht möglich geworden.)

Wolfgang Hallmann vermochte den Zuhörern viele Details des Lebens in der Bergstadt um 1780 zu schildern. Das Pfarrhaus sei ein Begegnungsort gewesen. Hier seien wichtige Einwohner und Besucher Hohensteins verkehrt. Hallmann kennt alle Verwandschaftsbeziehungen Schuberts, seine Publikationsleistungen und seine berühmtesten Schüler, wie zum Beispiel Elisabeth von Bayern, die spätere Kaiserin von Österreich.

Andreas Eichler, promovierter Philosoph und Verfasser einer Einführung in Leben und Werk Schuberts, wollte sich, wie er sagte, nur auf einen Punkt konzentrieren. Er verwies darauf, dass Schubert im Jahre 1806/07 in Dresden Vorträge zur Reform der zeitgenössischen Wissenschaft hielt. Er habe mit der Geste des Romantikers die Überwindung der Disziplingrenzen gefordert, das Ende des Ausbeutungsverhältnisses gegenüber der Natur, das Ende imperialer Kriegführung und die Wertschätzung der Kultur und Medizin nichteuropäischer Völker. Schubert habe in Dresden einen großen Eindruck gemacht aber keine Anstellung erhalten. In einem Brief an Emil Herder, den Schubert aus Nürnberg schrieb, wo er auf Vermittlung Joseph Friedrich Wilhelm Schellings Direktor des Realgymnasiums wurde, habe dieser das Scheitern der romantischen Bewegung konstatiert. 1814 sei in Bamberg ein Buch Schuberts mit dem Titel »Symbolik des Traumes« erschienen, das er Nürnberger Freunden widmete. Hier sei die Hinwendung Schuberts zu unserer inneren Welt, zur Psyche nicht zu übersehen.

Schubert habe sich von den Vorhaben der Entdeckung der äußeren Welt, die er in seiner Begeisterung für Alexander von Humboldt erträumte, auf die Sprache unserer Träume zurückgezogen. Vielfach, so Eichler, stützte sich Schubert auf die Traum-Gedanken, die Johann Gottfried Herder in seinen »Adrastea«-Aufsätzen 1801–03 formulierte. Schubert habe allerdings die Herderschen Gedanken nur unvollständig, gebrochen durch den romantischen Zeitgeist, nachvollziehen können. Schubert war jedoch der einzige Romantiker, der nicht im Banne des modischen Kant-Fichteianismus gestanden habe. Daher sei das positive Echo, das Schuberts Traumsymbolik bei romantischen Literaten fand, nicht verwunderlich. Die Rezeptionsgeschichte Schuberts reiche bis zu Sigmund Freud, der allerdings in einer Rezension zum »Gegensinn der Urworte« eingestand, dass er zu wenig von Sprache verstehe. Hier erinnerte Eichler an den »Zurück zu Freud«-Vortrag Jacques Lacans 1955 in Wien. Lacan stellte damals klar, dass die Psychoanalyse keine Triebtheorie sei, sondern die sprachliche Struktur des Unterbewusstseins erfassen müsse. Es kam, wie es kommen musste. Eichler machte deutlich, dass die Wissenschaft auf Herders Sprachtheorie zurückgehen müsse, um weiterzukommen … Schubert sei in dieser Beziehung eine wichtiger Zwischenstufe …

Zum Glück dankte Buchhändler Rainer Klis an dieser Stelle den beiden Referenten, sonst wäre gewiss durch Eichler eine »kaltblütig Übernahme« der Veranstaltung in einen Herder-Vortrag erfolgt.

Das Publikum zeigte sich sehr gut informiert. Viele Kenner der Geistesgeschichte und der Hohensteiner Geschichte waren an diesem Abend zugegen. Bei einem kleinen Imbiss und gepflegten Getränken wurde noch sehr, sehr lange gefachsimpelt.

Bereits 2010 fand in der Klischen Buchhandlung eine Veranstaltung zum 150. Todes­tag Schuberts statt. Die Buchhandlung ist es, die in einer sächsischen Kleinstadt noch wesentliche Momente unseres europäischen geistigen Erbes kommunizierbar zu vermachen vermag. Ohne solche Buchhandlungen wären wir der grassierenden Evendisierung schutzlos ausgeliefert. Dem Buchhändler Rainer Klis und seinen beiden guten »Geistern« gebührt unser Dank für ihre Leistung im kulturellen Widerstand.

Johannes Eichenthal

Information

Andreas Eichler: G. H. Schubert – Ein anderer Humboldt

Format 22,5 × 22,5 cm, fester Einband, Fadenheftung, runder Rücken, Lesebändchen, 96 Seiten, 23 zum Teil farbige Abbildungen und Fotos.

VP: 14,90 €

ISBN: 978-3-937654-35-5

Einführung in Leben und Werk. Auszüge aus Schuberts Lebenserinnerungen. Zum Teil unveröffentlichter Briefwechsel zwischen Schubert und der Familie Herder in kommentierter Darstellung. Vollständige, kommentierte Wiedergabe der Schubertschen Aufzeichnung von Johann Gottfried Herders »Hodegetischen Abendvorträgen« vom März 1799 (= Herders Philosophie in einer Art Thesenform)

Drucken & PDF

Hier Klicken um den Artikel Gotthilf Heinrich Schubert zum 235. Geburtstag von Johannes Eichenthal als PDF zu erhalten.


Categories: 1

0 Replies to “Essay Zukunft Der Stadt Schubert”

Leave a comment

L'indirizzo email non verrà pubblicato. I campi obbligatori sono contrassegnati *